28.04.2014, 14:02  von Stefan Gutbrunner

Palästinas Wirtschaft im Schatten Israels

Der Felsendom in Jerusalem / Bild: (c) EPA (MAHFOUZ ABU TURK)

Die Israelis kontrollieren die Wirtschaft ihrer palästinensischen Nachbarn. Ein Scheitern im Friedensprozess schädigt vor allem die Palästinenser.

Ramallah/Jerusalem. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bedroht der Nahostkonflikt immer wieder den Frieden in der Region. Im Kern handelt es sich um die religiös motivierte Auseinandersetzung zwischen Israel auf der einen und Palästina auf der anderen Seite. Die moderne Wirtschaft der Israelis ist hinreichend bekannt, über die palästinensische Wirtschaft weiß man hingegen nur wenig.

Hauptquelle für die palästinensischen Wirtschaftsdaten ist das Palestinian Central Bureau of Statistics (PCBS), das mit einiger Übung und rechnerischer Selbsthilfe ökonomische Eckdaten freigibt. Mit ordentlichen Wachstumsraten von bis zu zwölf Prozent hievte sich die palästinensische Wirtschaft bis zur Jahrtausendwende auf eine Wertschöpfung von 4,2 Milliarden US-$. Der Ausbruch der Zweiten Intifada machte eine ökonomische Entwicklung in den Folgejahren unmöglich. Erst vier Jahre später konnte das Niveau der Jahrtausendwende wieder egalisiert werden.

Seitdem gedeiht die palästinensische Wirtschaft und erreichte mit Zuwachsraten von sieben bis zehn Prozent im Vorjahr nominell rund 11,9 Milliarden US-$. Drei Viertel der Wertschöpfung entfallen auf das wirtschaftlich stabilere Westjordanland, das letzte Viertel trägt der von Israel umgebene Gaza-Streifen bei. Die Annäherung zwischen Hamas und Fatah gefährdet nun die weitere Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft erheblich. Palästina funktioniert nur, wenn Israel es zulässt.

Ohne Israel läuft es nicht

Der Außenhandel leidet unter der rigorosen Überwachung der Israelis, die bis heute den Warenfluss in beide Richtungen kontrollieren. Israel ist gleichzeitig der wichtigste Handelspartner für die Palästinensischen Gebiete. 70 Prozent der Einfuhren stammen aus dem Gelobten Land, 85 bis 90 Prozent der Exporte fließen nach Israel. Weil das Importvolumen die Exporte deutlich übersteigt, ist das Handelsbilanzdefizit Palästinas gewaltig.

Der Fehlbetrag in der Handelsbilanz belief sich im Jahr 2012 auf 3,9 Milliarden US-$, was einem Drittel des Bruttoinlandsproduktes (BIP) entspricht. Die bedeutendsten Handelsgüter sind Heizöl, Benzin, Erdgas, Steinblöcke sowie Oliven, Zitrusfrüchte und Gemüse. Aufgrund laufender Vermögensübertragungen und Entwicklungshilfen beträgt das Leistungsbilanzdefizit dagegen nur 1,3 Milliarden US-$, damit aber immer noch mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung.

Zur fiskalischen Situation Palästinas sind nur wenige Daten verfügbar. Das ausgewiesene Finanzierungsdefizit des Staates für das Jahr 2012 betrug gut 304 Millionen US-$, also 2,5 Prozent des BIP. Die Arbeitslosenrate nach ILO Standards lag zuletzt bei 25 Prozent, wobei der Gaza-Streifen mit 38,5 Prozent eine weitaus höhere Arbeitslosigkeit aufweist als das Westjordanland mit 19 Prozent. 2012 gab es in Palästina 144.868 arbeitende Betriebe, 98.391 davon lagen im Westjordanland. Die überwiegende Mehrheit dieser Betriebe - nach Schätzungen rund 90 Prozent - hat weniger als fünf Mitarbeiter, nur ein Prozent der Unternehmen beschäftigt 20 oder mehr Arbeitnehmer.

Auf dünnem Eis

Eine Wirtschaft, die es vor kurzem praktisch noch nicht gab, kann sich naturgemäß rasant entwickeln. Die Zuwachsraten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die palästinensische Wirtschaft nicht diversifiziert, industriell unterentwickelt, permanent von Krieg und Terrorismus bedroht, von Israel abhängig und im Ergebnis höchst fragil ist. Chancen gibt es nur unter der Bedingung, dass Frieden in der Region für ein stabiles Umfeld sorgt. Eine dauerhafte Lösung des Nahostkonflikts ist derzeit aber nicht in Sicht. Israel kann den Palästinensern nach Belieben wirtschaftlichen Schaden zufügen. Hier teilen kulturelle Disparitäten und religiöse Unbarmherzigkeiten zwei Gesellschaften, die historisch eng miteinander verflochten sind. 

 

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Kommentare

1 Kommentare

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