11.12.2014, 17:15  von Herbert Geyer / Bloomberg

USA: Wohin mit dem vielen Öl?

Auch in den USA verbrauchen die Autos immer weniger - die Bezinpreise sinken / Bild: (c) REUTERS (BRIAN SNYDER)

Der Ölpreis-Rutsch in den USA ist zu einem beträchtlichen Teil hausgemacht – nicht nur durch die gestiegene Produktion von Schieferöl: Der Ölverbrauch hat sich vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt.

„Öl-Nachfrage und Wirtschaftswachstum gingen bisher gewöhnlich Hand in Hand“, sagt Christopher Knittel, Professor für angewandte Ökonomie an der Sloan School of Mangement des Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Jetzt bewegen sie sich beinahe unabhängig voneinander, weil Investitionen in die Treibstoff-Wirtschaft darauf gerichtet sind, diesen Zusammenhang zu zerbrechen.“ Der Schieferöl-Boom hat die Öl-Produktion in den USA innerhalb von nur fünf Jahren um 65 Prozent in die Höhe getrieben, das Land kann heuer 89 Prozent seines Energiebedarfs selbst decken. Geht die Entwicklung so weiter, werden die USA 2025 mehr Energie exportieren als importieren. Nach den Schätzungen der US Energy Information Administration wird die Nachfrage nach Öl im nächsten Jahr um 0,7 Prozent steigen – das Wirtschaftswachstum schätzen Analysten in einer Bloomberg-Umfrage viermal so hoch.

Zuletzt war die Diskrepanz zwischen Wachstum und Energieverbrauch sogar noch dramatischer: Im dritten Quartal wuchs die Wirtschaft im Jahresvergleich um 2,4 Prozent – der Ölverbrauch ging hingegen um 0,3 Prozent zurück.

Waren vor 20 Jahren noch 1760 Barrel Öl notwendig, um eine Milliarde $ an BIP zu produzieren, so waren es im heurigen September nur noch 1178 Balle – um 33 Prozent weniger.

Autos saufen weniger

Ein Teil dieser Einsparung ist durch den gesunkenen Sprit-Durst der Autos zu erklären: 2007 waren US-Pkw mit einer Gallone (3,785 Liter) Sprit im Schnitt noch 20,2 Meilen gefahren, im heurigen August waren es bereits um 28 Prozent mehr – 25,8 Meilen (41,5 km). Zusätzlich senkt auch der Vormarsch des Biosprits den Ölverbrauch: Ethanol macht bereits rund ein Zehntel des Treibstoffverbrauchs aus. Obwohl auf US-Highways gegenüber 2010 um 0,8 Prozent mehr gefahren wird, ist der Benzinverbrauch um 3,7 Prozent gesunken.

Dabei wächst auch die Fahrleistung nicht mehr so ungehemmt wie früher: Die Babyboomer, die mit dem Auto aufgewachsen sind, sind ins Pensionsalter gekommen und scheiden aus dem Berufsverkehr aus. Die Jungen hingegen siedeln sich vermehrt in den bisher verwaisten Stadtzentren an, wo man auch ohne Auto auskommt oder zumindest weniger weit fahren muss. Die Bevölkerung in den zentralen Bezirken der US-Städte hat sich von 2000 bis 2010 mehr als verdoppelt.

Aber auch in der Stromerzeugung verliert Öl immer mehr Marktanteile. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Verbrauch erneuerbarer Energie um 49 Prozent, Öl, Gas und Kohle legten nur noch um 9,4 Prozent zu.

Aufschwung der Chemie-Industrie

Die Schieferöl-Produktion der letzten fünf Jahre hat daher – weil die Nachfrage nicht mit dem gestiegenen Angebot Schritt hält – auch den nicht-energetischen Verbrauch von Öl gepusht: 133 Milliarden $ wurden in die chemische Industrie investiert, die billiges Gas und Öl in chemische Produkte umwandelt. Und die USA exportieren täglich 3,6 Millionen Barrels Treibstoffe in alle Welt – mehr als irgendjemand sonst. Der Export von Rohöl ist (noch) per Bundesgesetz verboten, die Industrie lobbyiert aber bereits nach Kräften gegen dieses Verbot, weil sie sich davon eine Linderung des Preisdrucks erhofft.

Diese Hoffnung ist freilich trügerisch – denn außerhalb der USA versucht die Opec den Ölpreis noch weiter nach unten zu treiben. Die gestern veröffentlichte Verbrauchsprognose für Opec-Öl – mit 28,92 Millionen Barrel pro Tag um fast ein Prozent weniger als bisher angenommen – schickte den Ölpreis gleich noch einmal ein bisschen tiefer. Ebenfalls gestern kündigte – nach Saudi-Arabien und dem Irak – auch Kuwait eine Rabatt-Aktion für sein Öl an, die den Preis noch weiter rutschen ließ.

In den Ruin treiben

Hintergrund des Opec-Preiskampfs ist offenbar die Hoffnung, durch zu niedrige Preise die unabhängigen Ölfirmen, die den Schieferöl-Boom in den USA tragen, in den Ruin zu treiben oder in Übernahmen durch die Platzhirschen zu zwingen. Aus technischen Gründen ist die Produktion von Schieferöl nämlich beträchtlich teurer als jene von konventionelle Öl: Während Saudi-Arabien Produktionskosten von weniger als 10 $ je Barrel haben, dürften die Kosten der Schiefer-Produzenten zum Großteil bereits über dem aktuellen Ölpreis liegen. Weil die meisten dieser relativ kleinen Unternehmen zudem hoch verschuldet sind, haben sie in den vergangenen Monaten auf den Preisverfall durch Ausweitung ihrer Produktion reagiert, um den nötigen Cashflow zur Bedienung ihrer Schulden zu generieren. Bei weiter sinkenden Preisen wird das immer weniger gelingen. Perspektive der Opec – und da vor allem der Saudis, die den Preiskampf anführen – ist es, im Lauf des Jahres 2015 die Schieferöl-Produktion in den Ruin zu treiben und dann wieder zu besseren Ölpreisen zurückzukehren.

Denn auch die meisten Opec-Staaten leiden unter dem zu niedrigen Ölpreis, weil sie für ihre Staatshauhalte mit weit höheren Einnahmen kalkuliert haben. Auf dem aktuellen Preisniveau können nur noch Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate ausgeglichene Haushalte darstellen. Nigeria und insbesondere Venezuela befinden sich bereits am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Venezolanische Staatsanleihen mit Laufzeit bis 2027 wurden zuletzt nur noch um 43,95 Cent je Dollar Nominale gehandelt.

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Kommentare

1 Kommentare

Ist doch alles schon seit Jahren bekannt !

Oder nur mir ?
Sobald sich der Ölpreis wie von den Saudis erhofft erholt wird verstärkt in Alternativen investiert, da diese dank Innovationen dann erheblich billiger sind.
Dann wird es wieder nichts mit dem hohen Ölpreis !

verfasst am 11.12.2014, 19:41

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