01.02.2016, 09:20  von Günter Fritz

Raiffeisen kurz vor dem Start im Iran

RBI-Vorstand Peter Lennkh zur Banktochter in Polen: „Es wird wahrscheinlich notwendig sein, das Schweizer-Franken-Portfolio mit einem Volumen von rund drei Milliarden € herauszulösen.“ / Bild: WB/Elke Mayr

Die RBI möchte schnell zurück ins Iran-Geschäft und dort die führende Bank für Unternehmen werden. Generell gäbe es gute Wachstumschancen – auch in Osteuropa.

Im Interview: Peter Lennkh, Vorstand Raiffeisen Bank International (RBI)

WirtschaftsBlatt: Herr Lennkh, was können sich Unternehmen vom Jahr 2016 erwarten?

Peter Lennkh: Ich denke, 2015 hatten viele Unternehmen ein ganz gutes Jahr, was die Ertragszahlen betrifft. Das werden auch die Bilanzen zeigen, die demnächst präsentiert werden. Viele Unternehmen haben Fremdkapital ab- und Cash-Polster aufgebaut und sind in einem guten Zustand. Die Frage ist nun, für wen die aktuellen Entwicklungen eine Chance oder eine Bedrohung sein werden. Es ist ja so, dass die Turbulenzen und Volatilitäten wegen niedriger Rohstoffkosten wie zum Beispiel bei Öl auch niedrige Produktionskosten mit sich bringen und sich im Mergers-and-Acquisitions-Bereich gute Möglichkeiten auftun. Wer eine gute Eigenkapitalsituation hat, für den wird 2016 entsprechende Chancen bieten, Marktanteile zu gewinnen – vor allem auch in Osteuropa.

In welchen Ländern speziell?

Insbesondere in Tschechien, der Slowakei oder Rumänien. Aber auch Ungarn entwickelt sich nach den Schwierigkeiten der vergangenen Jahre wieder gut. Signifikante Möglichkeiten sehe ich vor allem im Anlagenbau oder in Branchen, in denen die niedrigen Energiepreise durchschlagen.

Was passiert in Polen?

Polen hat sicher ein schwieriges Jahr vor sich, weil sich die politischen Interventionen des Staates nachteilig auf die Wirtschaft niederschlagen werden. Mit der neuen Bankensteuer oder der Supermarktsteuer, deren Einführung diskutiert wird, wird das Vertrauen internationaler Investoren riskiert.

Wie steht es mit dem Verkaufsprozess Ihrer polnischen Tochter?

Er ist gestartet, die Situation ist aber schwierig und in einigen Bereichen unklar. Es wird wahrscheinlich notwendig sein, das Schweizer-Franken-Portfolio mit einem Volumen von rund drei Milliarden € aus der Bank herauszulösen, weil sich das negativ auf die Bewertung auswirken könnte. Es ist aber noch unklar, wie hoch die Wertberichtigungen sein könnten, wenn es zu einem politisch erzwungenen Umtausch des Frankenportfolios kommen sollte. An sich ist die Kreditqualität der Kunden in Polen sehr gut. Die Non-Performing-Loan-Quote liegt bei 7,9 Prozent. Grundsätzlich ist die Linie beim geplanten Verkauf nach wie vor die, die Bank mit einem strategischen Partner an die Börse zu bringen und sich dann gänzlich aus Polen zurückzuziehen. Wann das der Fall sein wird, kann ich aber noch nicht sagen.

Und wie entwickelt sich Russland?

Für Russland sind wir nach wie vor optimistisch. Dort hatten wir im Vorjahr bis zum dritten Quartal immerhin 250 Millionen € Gewinn nach Steuern und erwarten auch für das Gesamtjahr 2015 (Bilanz liegt noch nicht vor, Anm. d. Red.) einen guten Ergebnisbeitrag. Wir haben dort ein auf multinationale und ausgewählte russische Kunden fokussiertes Geschäftsmodell. Aber auch das Retailgeschäft mit Privatkunden aus dem Mittelstand ist robust. Wenn man aber bedenkt, dass das Staatsbudget auf einem Ölpreis von 40 US-$ basiert, ist das doch besorgniserregend. Diese Situation wird sich sicher bis zu einem gewissen Grad auf Konsum und Investitionskraft durchschlagen.

Die Ukraine ist wohl zu vernachlässigen?

Nein, wir sind dort die dominierende Bank und haben zwei Schwerpunkte: mehrere Hundert internationale Kunden sowie das Agrargeschäft. Trotz aller Turbulenzen ist die Ukraine weiter ein wesentlicher Hersteller landwirtschaftlicher Produkte und wir sind ein wesentlicher Finanzier. Wir haben uns allerdings aus der Krim und der Donbass-Region zurückgezogen. Im ersten Quartal 2013 hatten wir in der Ukraine noch 13.787 Mitarbeiter und 822 Filialen, im dritten Quartal 2015 waren es 10.308 Mitarbeiter und 617 Filialen. Und dieser Trend wird sich weiter fortsetzen.

In Richtung welcher Größenordnung?

Das ist derzeit noch in Diskussion.

Ein Thema für die RBI ist ja wohl auch der Iran?

Wir hatten in der Vergangenheit ja eine Repräsentanz in Teheran, die derzeit ruhend gestellt ist. Jetzt wollen wir diese sobald wie möglich wieder eröffnen. Österreich ist ja sehr willkommen im Iran und ich war selbst bei der Wirtschaftsmission mit Bundespräsident Fischer mit dabei, an der 220 Unternehmer teilgenommen haben. Die iranische Wirtschaft hat einen enormen Aufholbedarf. Wir haben dort vor den Sanktionen auch ein sehr gutes Geschäft gemacht und würden gern wieder die führende Bank im Iran-Geschäft werden.

Wann wollen Sie wieder im Iran starten?

Bevor es so weit ist, müssen erstens noch alle Sanktionen beendet werden und zweitens die entsprechenden Voraussetzungen von iranischer Seite geschaffen werden. Der Iran muss sich wieder dem internationalen Zahlungsverkehr – Stichwort Swift – anschließen und die damit verbundenen Standards von Kundenidentifikation bis Compliance einführen. Das kann schon noch einige Monate dauern. Wir arbeiten aber bereits an den Vorbereitungen und wollen unseren Kunden alles, was sanktionsmäßig erlaubt ist, anbieten. Die iranischen Banken sind ebenfalls sehr interessiert und wir führen bereits intensive Gespräche mit ihnen.

Wie laufen die Geschäfte in Österreich?

Sie wachsen erfreulicherweise gut und tragen rund ein Drittel zum Gesamtgeschäft bei. Wir arbeiten hier mit den inländischen Top-1000-Kunden und gewinnen laufend welche dazu. Die Unternehmen schätzen es offenbar, dass wir als österreichische Bank ein verlässlicher Partner sind und die Letztentscheidungen in Österreich getroffen werden. Sie haben bei uns den Zugang zu den ultimativen Entscheidungskräften – im Gegensatz zu anderen Mitbewerbern.

Wie könnte sich da ein möglicher und zuletzt immer wieder kolportierter Zusammenschluss von RBI mit dem Spitzeninstitut des Raiffeisensektors, der RZB, auswirken?

Ich kommentiere Marktgerüchte nicht. Aber eins ist klar: Für die Kunden würde sich dadurch nichts ändern – egal ob in dieser Struktur oder in einer anderen.

Und Finanzierungen sind für Ihre Kunden kein Problem?

Es gibt keine Kreditklemme – und für unsere Topkunden schon gar nicht. Es ist reichlich Liquidität vorhanden. Im Zuge unseres Restrukturierungskurses werden ja sieben Milliarden € für neues Wachstum – auch im Firmenkundengeschäft – freigemacht. Wir schneiden in manchen Bereichen sozusagen etwas tiefer, um in anderen wachsen zu können.

Welche Finanzierungsinstrumente können Sie Ihren Kunden anbieten?

Es gibt derzeit ausgehend vom niedrigen Zinsniveau eine gute Auswahl, günstig zu Kapital zu kommen, von Bankkrediten bis zum Kapitalmarkt. Es lassen sich aber auch gut langfristige Finanzierungen zu Fixzinsen über Schuldscheindarlehen darstellen. Hier suchen insbesondere Versicherungen und Pensionsanstalten nach wie vor nach Veranlagungen. Aber auch bei Absicherungsinstrumenten für Währungsvolatilitäten – etwa für den russischen Rubel – oder Zahlungsrisiken im internationalen Handel, die von Unternehmen stark gefragt sind, haben wir entsprechende Angebote parat.

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