17.08.2012, 07:45  von Thomas Pressberger

"Wir können Investitionen nicht einer Krise anpassen"

Mayr-Melnhof Karton-Chef Wilhelm Hörmanseder / Bild: WB/Foltin Jindrich

Interview. Mayr-Melnhof Karton-Chef Wilhelm Hörmanseder. kämpft mit hohen Rohstoffpreisen und volatilen Märkten. Die Rezessionswolken am Horizont seien kein Grund zur Sorge.

Wien. Mayr-Melnhof Karton ­CEO Wilhelm Hör­manseder legt zum Halbjahr „zufrieden­stellende" Zahlen. Im WirtschaftsBlatt-Som­mergespräch mit Redakteur Thomas Pressberger erzählt er, was der Mayr-Melnhof­ Aufsichtsrat, der liebe Gott und seine Frau ge­meinsam haben. Frank Stronach hat er zwar noch nicht getroffen, doch glaubt er nicht, dass Manager die bes­seren Politiker sind. Die Aufregung um die Schulden- und Euro­krise hält er für Angst­mache, der Euro werde weiterbestehen.

WirtschaftsBlatt: Die Halb­jahreszahlen von Mayr-Meln­hof Karton (MM) sind zufrie­denstellend – wie geht es 2012 weiter?
Wilhelm Hörmanseder: Wir sehen keine besonderen Än­derungen im zweiten Halb­jahr. Das vergangene Jahr war eher zweistufig, mit einer ex­zellenten ersten Jahreshälfte und einer eher verhaltenen zweiten. Heuer sollte es weit­gehend stabil bleiben. Im drit­ten Quartal erwarten wir kei­ne wesentlichen Veränderun­gen.

Abseits der Zahlen: Was sind die wichtigsten Themen für das restliche Jahr?
Wir sehen zwar schwarze Rezessionswolken am Hori­zont, gehen aber risikobe­wusst und angstfrei in diese Situation. Dazu müssen wir jeden einzelnen unserer 8600 Mitarbeiter erreichen und be­geisterungsfähig sein. Wir ha­ben keine Angst vor der Zu­kunft, sondern setzen auf Mut, Fleiß und Ehrgeiz.

Ihre Branche ist stark von den Rohstoffpreisen abhängig, mit welcher Entwicklung rechnen Sie hier?
Unser Hauptstoff ist die Re­cyclingfaser mit einem deut­lichen zweistelligen Kosten­anteil, dann Energie und Che­mikalien. Derzeit gibt es eine kleine Erleichterung bei den Rohstoffpreisen, aber die wird nicht lange anhalten. Die Prei­se werden sich gegen Ende des Jahres wieder am oberen Ende einpendeln.

2011 sind die Preise bei MM um fünf bis sieben Prozent ge­stiegen. Gibt es 2012 auch Preiserhöhungen?
Nein, 2012 ist bei den Prei­sen eher Stabilität angesagt.

Wie kommen Sie mit der hohen Nachfragevolatilität zurecht?
Das ist typisch, wenn sich die Märkte ändern. Unsere Kunden sind multinationale Konzerne; wenn das Verhal­ten der Konsumenten kurz­fristiger wird, verhalten sich die Märkte genauso. Wir ha­ben derzeit einen kurzfristi­gen Auftragsstand, aber fah­ren damit weiterhin eine gute Auslastung. In Boomzeiten kann der Orderstand drei Mal so groß sein. Wichtig ist in solchen Phasen, die Produk­tionskosten im Griff zu haben. Das ist bei Konjunktur­schwankungen immer so.

Die Expansion nach Lateinamerika steht ganz oben

Wohin geht die Reise bei der Expansion?
Lateinamerika steht ganz oben, aber auch die N11, die „next eleven“, sind wichtig. (Vietnam, Südkorea, Mexiko, Bangladesch, Indonesien, Iran, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Türkei, Ägypten, Anm.) Die in­teressieren mich, weil sie un­serem Muster entsprechen: In einem Markt rasch deutliche Marktanteile zu erobern, um dann vom Wirtschaftswachs­tum zu profitieren. Von zwei Prozent Marktanteil in einem Riesenmarkt haben wir nicht viel. Das gibt uns keine Ma­növriermasse, kein Momen­tum, keine Kapitalproduktivi­tät. Wir orientieren uns an der Ergebnisqualität, sprich der Er­giebigkeit. Aber wir wachsen nicht nur durch Akquisitionen, sondern auch durch Investi­tionen auf der grünen Wiese, also organisch. Zum Beispiel planen wir, das dritte Werk in der Türkei zu bauen.

In Ihrer Strategie steht „nach­haltiger Nutzen für Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter“. Was heißt das?
Verlässlichkeit im Ergeb­nis, das ist die Nachhaltigkeit und Sicherheit für die Aktio­näre. Wir schütten ein Drit­tel unseres Ergebnisses aus. Für die Kunden bedeutet Nachhaltigkeit, dass wir kon­sequent sind und auch in 20 Jahren noch liefern. Nach­haltigkeit gilt aber auch für unsere Mitarbeiter als loya­ler Arbeitgeber.

Das hat die britische Gewerk­schaft bei der Schließung des Werks in Liverpool nicht so gesehen.
Wir haben 39 Standorte und konstruktive Beziehun­gen zu allen Betriebsratsvor­sitzenden. In unseren Wer­ken herrscht sozialer Frieden, daher gab es in den vergan­genen Jahrzehnten auch kei­ne Streiks. Dass es mal knirscht, ist keine Schande, denn wir haben immer eine vernünftige Lösung gefun­den.

Wir haben die Politi­ker, die wir gewählt haben und damit die, die wir verdienen.

Aber die Gewerkschaft hat ziemlichen Wirbel gemacht.
Manche setzen halt auch auf Lautstärke.

Sind Sie mit den Gewerk­schaften zufrieden oder über­treiben diese es manchmal?
Wir haben mit den Ge­werkschaften bisher immer gute Lösungen gefunden.

Die von MM verfolgte Strate­gie der Kostenführerschaft heißt vor allem modernste Technologie und damit Inves­titionen. Wie viel nehmen Sie heuer in die Hand?
MM investiert jährlich rund 90 Millionen €, den hal­ben Cashflow, das ist unsere Faustregel. Das ist auch in der Krise gleich geblieben. Wir können Investitionen nicht einer Krise anpassen. Denn von der Idee über das Kon­zept, den Bau, die Inbetrieb­nahme bis zum ersten ver­kauften Karton kann es 18 bis 24 Monate dauern. Wir in­vestieren jedes Jahr und ha­ben viele Ideen, um MM noch wettbewerbsfähiger zu machen.

Ihr Vertrag läuft bis 2014, wer­den Sie danach weiter für MM zur Verfügung stehen?
Es gibt drei Institutionen, die das entscheiden: Die ers­te ist der liebe Gott, die zwei­te der Aufsichtsrat und die dritte meine Frau. Zu allen habe ich eine gute Beziehung.

Das Han­delsvolumen an der Wiener Börse ist schmerzlich. Das ist ein Hemmschuh für alle neuen sinnvollen Emissionen

MM ist seit fast 20 Jahren an der Wiener Börse. Wie zufrie­den sind Sie mit ihr und was sagen Sie zu deren Bedeu­tungsverlust beziehungsweise Bedeutungslosigkeit?
Schmerzlich ist das Han­delsvolumen. Das ist ein Hemmschuh für alle neuen sinnvollen Emissionen, weil zu wenig Substanz da ist. Für Bestehende, die keinen Ka­pitalbedarf haben, ist das traurig, für alle anderen fürchterlich einschränkend.

Was sagen Sie zu Frank Stro­nach und seinen Plänen, in die Politik einzusteigen?
Er ist mir persönlich nicht bekannt, daher kann ich dazu nichts sagen.

Anders gefragt: Sind Manager die besseren Politiker?
Nein, das glaube ich nicht. Es kommt auf die Persönlich­keit an. Wir haben die Politi­ker, die wir gewählt haben und damit die, die wir verdienen. Bei MM schauen wir aber we­niger auf die Politik als auf un­sere Firma und unsere 8600 Mitarbeiter – und darauf, dass wir das Urlaubs- und Weih­nachtsgeld auszahlen können, auch noch in zehn Jahren.

Die Schuldenkrise ist ein klassisches neu­es Schreckgespenst. Vorher hatten wir BSE, Vogelgrippe, Fukushima, das ist jetzt vor­bei.

Wie ist Ihr Ausblick auf die Euro- und Schuldenkrise?
Das ist ein klassisches neu­es Schreckgespenst. Vorher hatten wir BSE, Vogelgrippe, Fukushima, das ist jetzt vor­bei. Die Menschen brauchen immer etwas Neues, vor dem sie sich fürchten können. Als Nächstes kommen Globali­sierung oder Probleme bei der Demografie. Das Problem ist, dass die Politik Ängste schürt, um dann davor zu schützen; nach dem Motto: „Fürchte Dich, aber wir schützen Dich“. Dort sind wir jetzt angelangt, und das kos­tet Geld.

Muss Griechenland in der Eurozone bleiben?
Griechenland macht knapp zwei Prozent des BIP der Eu­rozone aus. In einem Unter­nehmen ist es jedenfalls so, dass schwelende Probleme, die man nicht löst, immer schlimmer werden.

Wird es den Euro weiterhin geben?
Ich habe überhaupt keine Zweifel, dass es den Euro in irgendeiner Form weiter ge­ben wird.

Gibt es etwas, was Sie in den vergangenen Monaten abseits des Geschäfts bewegt, aufge­regt oder erfreut hat?
Mich bewegt nur das Ge­schäft (grinst). Wir haben bei MM die Kultur, dass wir uns alle engagieren, keine Früh­stücksdirektoren haben. Es muss jeder seine Aufgabe ma­chen, über den Tellerrand schauen und initiativ sein. Ohne volle Hingabe geht es nicht.

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Zahlen

Beim Faltschachtel- und Kar­tonhersteller Mayr- Melnhof schlugen sich Einmaleffekte mit 13 Millionen € zu Buche und drückten das Betriebsergebnis um 14,7 Prozent auf 79,1 Mil­lionen €. Der Nettogewinn fiel um 20 Prozent auf 51,2 Millio­nen €. Der Umsatz ging um 1,3 Prozent auf 975 Millionen € zu­rück. Die europäischen Kern­märkte entwickelten sich laut Unternehmen verhalten.

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