17.08.2012, 14:14  von APA

E10 lässt Wogen in Österreich hoch gehen

E10 sorgt vor der Einführung für Diskussionen / Bild: dpa/Oliver Berg

Biosprit. Während Landwirtschaftsminister Berlakovich an der Einführung der erhöhten Biospritquote im Herbst festhält formieren sich Gegner quer durch alle politischen Farben.

Wien. Die infolge von weltweiten Missernten und Agrarspekulationen gestiegenen Nahrungsmittelpreise lassen die Kritik am Biosprit - also Treibstoff aus Getreide oder Mais - wieder neu aufflammen. In Deutschland hat sich am Wochenende erstmals ein Regierungsmitglied für einen sofortigen Verkaufsstopp des umstrittenen Biosprits E10 ausgesprochen. "Gerade bei steigenden Lebensmittelpreisen kann Biosprit zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen", sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel. In Österreich hält Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich am Plan fest, E10 im Herbst einzuführen.

Landwirtschaftsministerium kalmiert

"Es wird nur ein ganz geringer Anteil an Getreide für die Bioenergieproduktion verwendet. Die Nahrungsmittelproduktion ist in keinster Weise gefährdet", sagte am Donnerstag ein Sprecher von Berlakovich. Sowohl in Österreich als auch europa- und weltweit stünden "Flächen- und Produktionspotenziale in mehr aus ausreichendem Maß zur Verfügung".
Wann genau der - in Deutschland anfangs sensationell gefloppte - Biosprit in Österreich genau kommen soll, hänge vom Koalitionspartner respektive dem Büro von Verkehrsministern Doris Bures (S) ab. "Es laufen Verhandlungen." Kürzlich, im August, habe es ein "Spitzengespräch" gegeben. Die offengebliebenen Punkte würden jetzt geklärt. Hauptsächlich gehe es um die Information der Bevölkerung. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", etwa eine Informationskampagne geplant. Damit will man wohl vermeiden, dass die Autofahrer - wie in Deutschland - E10 aus Angst um ihre Motoren boykottieren.

Berlakovich hat mit seinem E10-Vorhaben - bis auf die Biosprit-bzw. Agrarbranche - wenige Mitstreiter. Die Debatte in Deutschland gibt heimischen Kritikern Aufwind. Umweltschützer sind der Meinung, Treibstoff aus Getreide, Mais oder Zuckerrüben füge der Umwelt mehr Schaden als Nutzen zu. Die klimaschädlichen Treibhausgase würden lediglich in Richtung Landwirtschaft verlagert - "und wenn die Rohstoffe aus dem Ausland importiert werden, werden sie ins Ausland verlagert", sagte Jurrien Westerhof von Greenpeace im Ö1-"Morgenjournal".

Breite Kritiker-Front

Auch der Autofahrerclub ARBÖ erneuerte seine Kritik. Gerade jetzt, da die Preise von Getreide und Mais in die Höhe schnellten, sei ein denkbar schlechter Zeitpunkt für die Einführung von E10. Generalsekretärin Lydia Ninz sieht eine Teuerungswelle auf Österreichs Autofahrer zurollen.

Massive Bedenken puncto Biosprit äußern auch Entwicklungshilfeorganisationen. "Es gibt eine tödliche Konkurrenz zwischen Teller und Tank, und da sage ich, das Teller muss gewinnen", sagte Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer im "Morgenjournal". Vor allem in den USA, wo momentan 40 Prozent der Ernte in Raffinerien landen, brauche es einen Biotreibstoffproduktionsstopp oder zumindest eine -drosselung, in Europa ein Moratorium.

Neben der Dürre und der vermehrten Biospritproduktion trieben aber auch der weltweit steigende Fleischkonsum sowie insbesondere die Spekulationen auf Nahrungsmittel die Preise nach oben. "Die verschärft die Steigerungstendenzen massiv", so Schweifer. Mais hat sich seit Juni um 50, Soja um 30 Prozent verteuert. Die Wettgeschäfte an den Agrarmärkten gehörten strikt reglementiert, fordert der Caritas-Experte. Dass diese angesichts der Verschärfung der Hungerproblematik von alleine aufhörten, glaubt Schweifer nicht. Dies sei "ein viel zu großes Geschäft". 2003 seien 13 Mrd. Euro in diesem Sektor aktiv gewesen, 2008 über 300 Mrd. Euro, jetzt "wesentlich mehr". Ein Investmentbanker habe kürzlich gesagt, "die Dürre in den USA ist wie wenn ein Goldhahn aufgedreht würde", sagte Schweifer.

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    Kommentare

    2 Kommentare

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    Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer hat vielleicht Angst um seinen Arbeitsplatz. Tatsache ist, dass der Überschuss der EU und der USA die Landwirtschaft in vielen, besonders afrikanischen Staaten, kaputt gemacht hat. Billige Almosen verteilen und sich dabei gut vorkommen ist das eine, eine gesunde lokale Landwirtschaft aufkommen zu lassen das andere. Was würden den unsere Bauern sagen, wenn Chinesen bei uns mit ihren Überschüssen behilflich wären?

    verfasst am 18.08.2012, 21:07

    Komplizierte Themen in der Öffentlichkeit wie simple Themen zu diskutieren ist nicht sinnvoll.
    Energie und Nahrung stehen immer in Konkurrenz zueinander. Früher waren es die Pferde und heute die Motoren die gefüttert werden müssen. 10% vom Acker und 90% fossil ist nur ein kleiner erster Schritt. Der nächste Schritt sollte E20 bei einer Halbierung des Verbrauchs sein, also gleich viel Bioethanol aber absolut betrachtet von 90% aus 30% Erdöl. Das es so kommen wird zeigt dieses Video:
    http://www.youtube.com/watch?v=UvyHZhYjFwQ
    Auch dieser Beitrag ist sehr interessant:
    http://www.youtube.com/watch?v=cPKLKWIh3gA

    verfasst am 18.08.2012, 17:21

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