11.09.2012, 09:18  von Herbert Geyer

Es geht um die Wurst

Frankfurter Würstel / Bild: Foltin

Ländermatch. Deutschland ist auch im Fußball Lieblingsgegner von Österreich. Grund genug, vor dem heutigen WM-Qualifikationsspiel ein Volkswirtschaftsmatch zu spielen.

Wien. Österreich gegen Deutschland -zumindest seit 1866, als Österreich nach der Schlacht von Königgrätz seine Träume aufgeben musste, im Deutschen Reich die Führungsrolle zu spielen, ist das eine Traumpartie für beide: Für die Österreicher, weil sie sich einfach gern mit ihren großen Brüdern messen, für die Deutschen, weil sie in der Regel die Punkte bekommen.

Vor 1866 wäre eine Partie Österreich gegen Deutschland ungefähr so plausibel wie für den legendären Grafen Bobby die Partie Österreich-Ungarn. Seine Nachfrage: Gegen wen?

Bis 1806 waren deutsche Kaiser ja in der Regel Habsburger. Und noch 1848 hatte die deutsche Bürgerversammlung in der Frankfurter Paulskirche den (in der Toskana geborenen)"steirischen Prinzen" Erzherzog Johann zu ihrem Vorsitzenden gewählt.

Aber hier soll es nicht um längst verstorbene Prinzen gehen, schließlich geht es auch heute Abend sprichwörtlich um die Wurst.

Aber dazu können wir ruhig in Frankfurt bleiben, denn von hier stammte Johann Georg Lahner, ein Immigrant, der in Wien die Frankfurter Würstel erfand -mit einem Brät, gemischt aus Rind-und Schweinefleisch (wohingegen in Frankfurt selbst eine "Frankfurter" -seit 1860 geschützt -aus reinem Schweinefleisch hergestellt sein muss). Daher heißen die Frankfurter in Frankfurt (und fast überall sonst) Wiener.

Hitler und Beethoven

Dass Deutsche und Österreicher die Urheberschaft (oder zumindest die Bezeichnung) einer prominenten Marke dem jeweils anderen zukommen lassen, ist freilich recht untypisch. Es gilt als größte Leistung der Österreicher, aus Adolf Hitler einen Deutschen und aus Ludwig van Beethoven einen Österreicher gemacht zu haben. In Deutschland wird das durchaus umgekehrt gesehen -wie ja auch Wolfgang Amadeus Mozart dort unter den "größten Deutschen" firmiert.

Aber bleiben wir bei dem, worum es heute geht, bei der Wurst: Bemerkenswert ist, dass -obwohl österreichisches Essen in Deutschland weit populärer ist als umgekehrt (das kann auch damit zusammenhängen, dass "Quarkklöße" halt weit weniger appetitanregend klingen als "Topfenknöderl")-haben sich neben den Wiener Würstchen in Deutschland keine österreichischen Wurstsorten durchgesetzt, während andersrum wenigstens die Schwarzwälder (wenn auch als Wurst weniger populär denn als Schinken oder Kirschtorte) und Göttinger verbreitet sind. Sonderfälle sind die Braunschweiger (damit wird in Deutschland eine Mettwurst bezeichnet, in Österreich aber eine Brühwurst) und die Oderberger, die in Deutschland völlig unbekannt ist und auch in Österreich bereits auf der Roten Liste der bedrohten Wurstarten steht.

Ganz im Gegensatz zur Münchner Weißwurst, die in Österreich auf dem Vormarsch ist, in ihrer Heimat aber das Land spaltet: Die Länder nördlich des Weißwurst-Äquators sind in der Regel auch jene, in denen Siege von Bayern München nicht ungetrübte Freude hervorrufen.

Womit wir endlich beim heutigen Match gelandet sind. Die Deutschen sind mit dem Kopf noch in der Kabine, während die Österreicher höchst motiviert mit einem Sturmlauf beginnen. Unser BIP pro Kopf beträgt 129 Prozent des EU-Schnitts, das der Deutschen (dank Ost-Integration) nur 120, und schon steht es

1:0

Der Treffer gibt Auftrieb, und weiter rollen die Angriffe. Deutschland hat mit seinem Wachstum Europa aus der Krise gezogen, auch für das schwache heurige Jahr sind immerhin 0,7 Prozent prognostiziert -aber Österreich soll sogar 0,8 Prozent schaffen:

2:0

Die Österreicher steigern sich in einen Spielrausch. Unsere Arbeitslosenrate ist mit 4,3 Prozent die niedrigste in Europa -auch niedriger als die 5,5 Prozent der Deutschen:

3:0

Die Österreicher stürmen weiter. Eine Inflationsrate von 2,4 Prozent ist angesichts der hohen Spritpreise eine reife Leistung -aber jetzt laufen sie in einen Konter der Deutschen: Deren Inflation ist mit 2,3 Prozent noch eine Spur niedriger.

3:1

Jetzt spüren unsere Lieblingsgegner, dass da noch was geht. Ihre Handelsbilanz ist mit 5,6 Prozent des BIP schon sehr stark, der Schuss ist angesichts unserer minus 2,5 Prozent unhaltbar:

3:2

Gegentreffer behagen den Österreichern nicht. Schon gar nicht, wenn es jetzt ums Budget geht. Wir müssen froh sein, heuer die Maastrichtgrenze von 3,0 Prozent des BIP zu schaffen, die Deutschen legen ein Defizit von nur 0,9 Prozent vor. Mit dem Schlusspfiff fällt der Ausgleich:

3:3

(WirtschaftsBlatt)

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Dass Deutsche und Österreicher bei einer prominenten Marke die Urheberschaft dem jeweils anderen überlassen, ist durchaus untypisch - bei den Frankfurter Würstel ist das trotzdem geschehen.

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