19.10.2012, 09:50  von Günter Fritz

Westbahn startet neue Phase im Match mit den ÖBB

Westbahn-Geschäftsführer Erich Forster (li.) erhält im November mit Ex-ÖGB-Finanzchef Clemens Schneider einen neuen Chef, dessen Polit-Kontakte neuen Schwung bringen sollen / Bild: WB/Mayr/beigestellt

Bahn. ÖBB-Herausforderer Westbahn kämpft mit Anlaufverlusten und wird erst 2013 den Break-even schaffen. Dafür will man den ÖBB an der Kundenfront weiter zusetzen.

Wien. Der private ÖBB-Herausforderer Westbahn hat sich seit dem überraschenden Ausscheiden von Gesellschafter und Mitbegründer Stefan Wehinger Anfang Juni neu aufgestellt und startet nun die nächste Phase im Match mit dem Eisenbahn-Platzhirschen.

Mit 1. November übernimmt der ehemalige ÖGB-Finanzchef Clemens Schneider den Vorstand von Westbahn-Eigentümer Rail Holding (siehe Grafik). Er soll sich dort um die strategische Weiterentwicklung der Privatbahn kümmern, neue Potenziale heben und dabei seine politischen Kontakte einsetzen.

Vor allem spitzt die Westbahn, die derzeit nur zwischen Wien und Salzburg verkehrt, auf Verbindungen, die mittels der sogenannten gemeinwirtschaftlichen Leistungen von Bund oder Ländern gestützt werden. "Wir warten darauf, dass Strecken im Personenverkehr ausgeschrieben werden, und beteiligen uns dann daran", sagt Westbahn-Geschäftsführer Erich Forster, der die operative Westbahn-Leitung von Wehinger übernommen hat: "Die Verbindung Wien-Graz wäre sicher interessant."

Völlige Liberalisierung

Derzeit werde das vierte Eisenbahnpaket, das eine völlige Liberalisierung ohne Direktvergaben vorsieht, in Brüssel verhandelt, so Forster - in seinem "vorigen Leben" 35 Jahre bei den Bundesbahnen und dort zuletzt Fernverkehrschef. Ein Problem für die Westbahn ist jedoch, dass den ÖBB gemeinwirtschaftliche Leistungen in Höhe von jährlich 576 Millionen € vom Bund bis 2019 vertraglich garantiert sind. Dazu kommen noch Leistungsbestellungen durch die Länder in Höhe von zuletzt 247 Millionen €.

Die Westbahn hofft aber auf den Vertragspassus, wonach Teilleistungen binnen 24 Monaten kündbar sind und neu vergeben werden können. Zudem soll Neo-Rail-Holding-Boss Schneider hier seine politischen Verbindungen hilfreich einsetzen. Forster. "Wie britische und deutsche Beispiele zeigen, wird das Bahnangebot durch Ausschreibungen günstiger beziehungsweise besser."

Die Westbahn könnte zusätzliche Einnahmen jedenfalls gut brauchen: Zwar sei der Kundenzuspruch laut Forster sehr gut und habe seit Jänner um 75 Prozent zugelegt, dennoch wird es länger als geplant dauern, bis operativ schwarze Zahlen geschrieben werden. Der viel zu optimistische Businessplan von Wehinger wurde völlig überarbeitet. Forster: "Wir peilen jetzt den Break-even für 2013 und nicht wie zuvor für heuer an."

145 Mio. € Schulden

Dazu kommt noch, dass die Westbahn mit ihren sieben Zügen und 200 Mitarbeitern einen großen Schuldenrucksack mitschleppen muss: Laut Bilanz für das Jahr 2011 (die Westbahn nahm am 11. Dezember 2011 den Betrieb auf) betragen die Verbindlichkeiten 145 Millionen €. Der Bilanzverlust betrug 14,2 Millionen €. Auch die 49-Prozent-Tochter Westbus, die innerösterreichischen Zubringerverkehr aber auch internationale Strecken betreibt, schrieb Verlust - nämlich 535.000 € für den Zeitraum Oktober bis Dezember 2011.

Seit dem Abgang Wehingers ist zwar der aggressive Ton in der Auseinandersetzung mit den ÖBB verschwunden, der Wettbewerb ist aber nach wie vor hart. Der juristische Streit um die Aufnahme in den ÖBB-Fahrplan wurde gewonnen, und seit Mitte September sind auch wieder die Raucherabteile erlaubt.

Nur: Die Wettbewerbsbeschwerde zu gemeinwirtschaftlichen Leistungen ist noch offen - zumal die Westbahn der Ansicht ist, damit würden die preisaggressiven Sparschiene-Angebote der ÖBB quer finanziert. Diese weist den Vorwurf zurück und greift seit Neuestem mit Erste-Klasse-Billigangeboten die Westbahn an. "Diese Sparschiene-Angebote tun uns weh", gesteht Forster ein und kontert seinerseits mit Spezialtarifen für Familien und Geschäftsreisende.

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-10-19)

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    Kommentare

    1 Kommentare

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    Wenn Herr Schneider meint die Briten zum Vorbild zu nehmen, dann hat er wohl noch nicht wirklich über den Tellerrand geblickt! Ich vermute sogar noch mehr, er wird im eisenbahnliberalisierten Zeitalter erst gar nicht mit der Bahn in UK gefahren sein. Die Sicherheitsmängel haben noch der Liberalisierung eklatant zugenommen, viele Unfälle, viele Tote, miese Infrastruktur. Also vielleicht bessere Beispiele und wenn dann auch in einem vergleichbaren Kontext. Vielen Dank!

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