25.01.2016, 18:44  von Patrizia Reidl

Agrana-Werk Gmünd: Kampf um Stärkekartoffeln

Agrana-CEO Johann Marihart beklagt ein schwaches Kartoffeljahr: „Nur zwei Drittel der Hektarerträge sind ins Werk gekommen“ / Bild: (c) Elke Mayr / WB (Elke Mayr / WB)

Das Kartoffelstärkewerk der Agrana in Gmünd muss ein Viertel der Erdäpfel importieren. Die Produktion ist schon längst diversifiziert. Bereich Babyfertigmilch wird gerade ausgebaut.

WIEN. Über das Areal der Gmünder Agrana-Fabrik weht ein eisiger Wind. Außer der Besuchergruppe ist kein Mensch zu sehen. „Die Ruhe täuscht“, sagt Werksleiter Norbert Harringer. 350 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Die Veredelungsanlagen laufen sieben Tage die Woche im Vierschichtbetrieb. Selbst während der Kartoffelkampagne im Herbst seien nur 25 Leute mehr beschäftigt. Außerdem: Welcher Industriebetrieb dürfe heute noch laut sein? Die Fabrik steht mitten in der Kleinstadt im nördlichen Waldviertel.

Das Werk gehört zum österreichischen Zuckerkonzern Agrana. Hier wird Kartoffelstärke erzeugt. „Während der Kampagne lagern hier zigtausend Tonnen Kartoffeln“, sagt Harringer und zeigt auf den leeren Platz vor der neuen Waschanlage. Die Kartoffelkampagne ist der Höhepunkt des Jahres im Werk: Zwischen Mitte August und Dezember liefern die Bauern die Erdäpfel für die Stärkeproduktion an. Sie werden sofort gewaschen und über die Monate zu Kartoffelstärke oder Fertigprodukten verarbeitet.

Kampf um Bauern
In der Waschanlage riecht es faulig. Das komme vom Schwemmkanal. Zwei Drittel des Jahres stehe die Waschanlage still, eine Geruchsentwicklung lasse sich nicht vermeiden. 220.000 Tonnen Kartoffeln werden jährlich verarbeitet. „Bis vor fünf Jahren kamen alle Erdäpfel von Waldviertler Bauern“, sagt Harringer. Nun müssen 25 Prozent aus Tschechien importiert werden. Das sichere den Standort, „denn wir bekommen zu wenig Erdäpfel“.

1350 Bauern aus der Region hat Agrana als Lieferanten unter Vertrag – und sie kämpft um jeden von ihnen. Etwa mit einer zusätzlichen Flächenprämie von 250 € pro Hektar, mit der der Verdienstentgang der Bauern 2015 abgefedert werden soll. Es war ein außergewöhnliches Dürrejahr. Die vereinbarten Liefermengen konnten nicht erfüllt werden. „Nur zwei Drittel der Hektarerträge sind ins Werk gekommen“, sagt Johann Marihart, CEO von Agrana.

Das Interesse der Bauern, Kartoffeln anzubauen, lasse nach. Kürbis gelte als die interessantere, weniger aufwendige Alternative. Aber um Transportkosten zu vermeiden, sei es extrem wichtig, dass der Anbau im Umfeld des Werkes passiert. Als das Werk Ende der 1930er-Jahre gebaut wurde, stand es mitten in der Erdäpfelanbauregion. Seit Kriegsende läuft die Grenze zu Tschechien durch Gmünd.

Die Dürre im vergangenen Jahr war nur der vorläufige Höhepunkt einer seit Jahren schwierigen Entwicklung bei der Versorgung des Werks mit Kartoffeln. Mit der Kartoffelstärke sei schon davor „sparsam“ umgegangen worden, sagt Marihart. Diese Stärke gebe es nur für Produkte, bei denen sie unbedingt nötig sei. Der Rest, etwa für die Papierindustrie, dem volumenmäßig größten Abnehmer, werde mit Mais- oder Weizenstärke ersetzt, die in anderen Agrana-Werken hergestellt wird.

Die Besuchergruppe steht im Herzen des Areals. Flockenherstellung, Stärketrocknung, der Silo – alles in Gehweite. Es riecht nach gekochten Kartoffeln. „Die Dampfanlage“, sagt Harringer. Kurzes Dämpfen mache das Schälen einfacher.

Diversifizierung ist heute das Stabilisierungselement für das Werk. Mittlerweile wird auch Mais- bzw Weizenstärke aus anderen Agrana-Werken weiterverarbeitet. „Gmünd ist nicht mehr die größte Stärkeproduktion des Konzerns, aber jene mit der meisten Veredelungstiefe“, so Harringer. Die Hälfte davon betreffe die Kartoffelstärke, der Rest sei Veredelung.

Qualitätssicherung durch Aufschrift

In weißen Filzmänteln und -hauben führt Harringer die Besucher durch die Abteilung Säuglingsmilch, dem dritten Standbein des Werks, das gerade ausgebaut wird. Hier entsteht Babytrockenmilch. Für regionale, europäische Unternehmen wie Demeter. Die Produkte gehen nach Europa und in Dosen nach Asien. Etwa auf die Philippinen. Die Dosenaufschrift ist auf Englisch und in der dortigen Landessprache. „Ein Qualitätssicherungssignal“, sagt Harringer. Erst das zeigt den Konsumenten, dass in Europa hergestellt wurde.

Milchtrocknungen gebe es auf der Welt genug – aber Spezialprodukte für Babys ab der Geburt gibt es in Europa nur eine Handvoll. Als Basis werde nicht Milchpulver, sondern Molkepulver verwendet. Dieser Tage gehen die neuen Maschinen in Betrieb. 4000 Tonnen an Babyfertigmilch werden derzeit hergestellt. In den nächsten Jahren soll sich die Menge verdoppeln.

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Das wird hergestellt

300 Produkte werden in Gmünd erzeugt – das sind 110.000 Tonnen an Fertigerzeugnissen wie etwa Kartoffeldauerprodukten für Püree für Knorr. Oder der Klebestift Pritt für Henkel, dessen Klebestoff aus Stärke und nicht aus Kunststoff hergestellt wird.

Anwendungsgebiete reichen von der Nahrungsmittel-, Pharma- und Textilindustrie bis zur Bauchemie.

Stärke aus Mais, Weizen, Kartoffeln etc. unterscheidet sich in der Wasserbindung, bei Klebefähigkeit und Körnigkeit.

Die Stärke-Division der Agrana

Die Division Stärke hat sich vom Juniorpartner zum wesentlichen Standbein der Agrana hochgearbeitet. Beim Ergebnis ist sie nun sogar führend. In den ersten neun Monaten stieg das operative Ergebnis (EBIT) der Division um 16 Prozent auf 53 Millionen €. Der Umsatz wuchs um 1,6 Prozent auf 544 Millionen €. Das Werk in Gmünd ist die einzige Kartoffelstärkeerzeugung Österreichs und eine der wenigen weltweit. Stärke aus Mais bzw Weizen stellt Agrana in anderen Werken her.

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