08.02.2016, 06:41  von Helmut Millinger

Die Wirtschaft leidet unter den Grenzwartezeiten

Die Grenzkontrollen der deutschen Polizei führen immer wieder zu ausgedehnten Staus. / Bild: WB/Neumayr

Seitdem an den Grenzen wieder kontrolliert wird, staut sich der Verkehr am Walserberg und an der Bundesstraße nach Freilassing. Das hat Folgen für Handel, Tourismus und vor allem Logistiker.

In der Salzburger Altstadt sind die Besucher aus ­Bayern nach Angaben von Stadtmarketing-Chefin ­Inga Horny in den vergangenen Monaten spürbar ­weniger geworden. Seitdem an der Grenze zu Deutschland Kontrollen eingeführt wurden, fürchtet die heimische Wirtschaft negative Folgen. Die Überraschung: Schuld am Rückgang der Umsätze im Einzelhandel sowie in der Hotellerie und Gastronomie seien aber nicht nur die Grenzkontrollen, so Horny, sondern beispielsweise auch die prekäre Parkplatzsituation. Europark-Geschäftsführer Marcus Wild kann ebenfalls „nicht feststellen, dass die Autokennzeichen aus Deutschland weniger geworden sind".

Flüchtlingskrise

In Österreich wurden im vergangenen Jahr rund 90.000 Asylanträge gestellt. Weil die immer wieder geforderte gesamteuropäische Lösung des Problems noch in weiter Ferne liegt, einigten sich Bund, Länder und Gemeinden bei einem Asylgipfel am 20. Jänner auf einen sogenannten Richtwert.

Diese unter Juristen umstrittene Obergrenze sieht vor, dass bis Mitte 2019 höchstens 127.500 Asylanträge entgegengenommen werden. Heuer sollen maximal 37.500 Flüchtlinge aufgenommen werden. „Die Festlegung dessen, was Österreich maximal leisten kann, ist ein erster Schritt in Richtung besserer Planbarkeit, mehr Sicherheit durch verstärkte Kontrollen und einer Reduktion des Zustroms an Flüchtlingen nach Österreich", meinte Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer nach dem Asylgipfel.

Die Angst bleibt aber bestehen: Sollten die Grenzkontrollen noch länger andauern, seien Einbußen nicht auszuschließen. Die ersten Anzeichen gibt es bereits. So sei zuletzt der durchschnittliche Wert der Einkäufe leicht gestiegen, so Wild: „Daraus könnte man schließen, dass manche Kunden seltener kommen und dafür mehr einkaufen." Grundsätzlich sei das benachbarte Bayern für Salzburgs größtes Einkaufszentrum enorm wichtig. „Jeder fünfte Kunde ist aus dieser Region, in Summe sind das mehr als zwei Millionen pro Jahr", sagt Wild. Es ist aber nicht nur bei Befürchtungen geblieben, blickt man in andere Branchen, zeigen sich längst erste Auswirkungen.

Von den Grenzkontrollen sind zum Beispiel die Salzburger Skigebiete betroffen. Die Seilbahnwirtschaft hatte mit deutlichen Rückgängen bei den Tagesgästen aus Bayern gerechnet. Diese Befürchtungen dürften sich zum Teil bewahrheitet haben, konkrete Zahlen liegen noch nicht vor. „Die Wartezeiten werden nicht nur als äußerst unangenehm, sondern auch als geschäftsstörend empfunden", berichtet Branchensprecher Ferdinand Eder. „Wenn ein Tagesskifahrer zwei Stunden an der Grenze steht, überlegt er es sich beim nächsten Mal", so Eder. Sollte sich die Situation nicht ­verbessern, drohe vor allem Skigebieten mit einem hohen Anteil an Tagesgästen Ungemach.

Tagesgäste bleiben aus

Veronika Scheffer, Geschäftsführerin der Bergbahnen Zauchensee, vermutet, „dass der eine oder andere Tagesgast ausbleibt". Genaueres könne sie freilich erst gegen Ende der Saison sagen. Die Stammgäste zumindest seien dem Skigebiet bisher treu geblieben. „Sie versuchen, auf kleinere Grenzübergänge auszuweichen, um dem Stau zu entgehen", sagt Scheffer. Für das Skigebiet seien die Tagesgäste, und speziell jene aus Bayern, enorm wichtig. „Wir haben zu wenig Betten im Ort, die Tagesgäste machen etwa ein Fünftel unseres Umsatzes aus", sagt die Chefin der Bergbahnen Zauchensee.

Flüchtlingskrise an der Grenze

Die deutsche Bundesregierung führte wegen des unkontrollierten Flüchtlingszustroms Mitte September wieder Kontrollen an den Grenzen zu Österreich ein. Diese Maßnahme wurde in der Zwischenzeit mehrmals verlängert, ein Ende der Grenzkontrollen ist derzeit nicht in Sicht.

Die daraus resultierenden Staus, von denen in erster Linie der Autobahngrenzübergang Walserberg und der Bundesstraßen-Grenz-
übergang nach Freilassing betroffen sind, ist nicht nur für Salzburger Betriebe ein Problem. Erst vor Kurzem beschwerte sich Georg Grabner (CSU), der Landrat des Berchtesgadener Landes, in einem Brief an den deutschen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) über die „völlig inakzeptable Situation".

Die kilometerlangen Staus auf der Autobahn seien eine enorme Belastung für die Wirtschaft in der Region, die in hohem Maße auf Kunden und Gäste aus Österreich angewiesen sei. „Umsatzeinbrüche im Handel und in gastronomischen Betrieben bis zur Entlassung von Mitarbeitern sind die Folge", so Grabner in dem Schreiben.

Die Grenzwartezeiten machen auch dem Salzburger ­Taxigewerbe das Leben schwer. „Wir spüren das schon. Wenn man einen Fahrgast in Freilassing abholen soll und nicht sagen kann, wann man dort ankommt, ist das natürlich ein Problem", erklärt Peter Tutschku, Chef der Funktaxivereinigung 8111. „Wartezeiten kosten Geld. Wenn der Lenker eine halbe Stunde im Stau steht, hat er weniger Fahrten", so Tutschku weiter. Wie hoch der dadurch entstehende wirtschaftliche Schaden sei, könne er nicht sagen. Für 8111 sei der kleine Grenzverkehr aber ein nicht zu unterschätzender Umsatzbringer. „Wir fahren vor allem vom Flughafen aus sehr viel nach Bayern."

Die Grenzkontrollen und die damit verbundenen Wartezeiten an den Grenzübergängen zu Deutschland stellen nicht zuletzt auch den Lungauer Frächter ­Maximilian Gruber und seine Mitarbeiter vor große Herausforderungen. „Wir haben genau geplante Tagestouren, können aber nicht kalkulieren, wie lang eine Fahrt dauert", berichtet Gruber im Gespräch mit dem WirtschaftsBlatt.

Gruber setzt mit seinem Unternehmen jährlich etwa drei Millionen € um. Grenzüberschreitende Fahrten nach Bayern machen rund zehn Prozent des Geschäfts aus. „Wir fahren im Schnitt täglich einmal über die Grenze und verlieren durch die Staus jeden Monat einen vollen Tag an produktiver Leistung", erklärt der Frächter aus Unternberg. Pro Monat und Lkw müsse man mit zusätzlichen Kosten von einigen Tausend € rechnen. „Bei Betrieben, die oft über die Grenze fahren, können da schnell 10.000 € und mehr zusammenkommen."

Höhere Personalkosten

Bei Grubers Kollegen Wolfgang Eibl machen die Mehrkosten durch Grenzwartezeiten laut eigenen Angaben immerhin 5000 bis 6000 € pro Monat aus. „Wir holen regelmäßig von einem Verteilzentrum kurz vor München Indus­triegüter ab. Früher war das eine Tagestour für einen Lenker, jetzt muss ich einen zweiten mitschicken", berichtet der Halleiner Transportunternehmer.

Eibl macht dank lukrativer Jahresaufträge die Hälfte seines Umsatzes von 2,5 Millionen € mit dem Gütertransport nach München, Rosenheim und Kufstein. Er fordert von der Bundesregierung vehement eine flexiblere Regelung der Lenk- und Ruhezeiten. „Der Stop-and-go-Verkehr im Stau gilt als normale Fahrzeit. Deshalb müsste es bis zum Aussetzen der Kontrollen möglich sein, fallweise die Lenkzeit um eine bis eineinhalb Stunden zu verlängern und dafür die Ruhezeit zu verkürzen", meint Wolfgang Eibl.

Wenig Freude mit den Grenzkontrollen hat auch Robert Soder, Geschäftsführer der Sparte Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer Salzburg. Er spricht von massiven Auswirkungen. Immerhin seien von den 800 Salzburger Transportunternehmen rund 550 im internationalen Verkehr tätig. Die entstehenden Mehrkosten könne man wegen des harten Wettbewerbs nicht einfach auf die Kunden abwälzen.

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Nachgefragt. Inga Horny

WirtschaftsBlatt: Frau Horny, Sie sind Geschäftsführerin der Altstadt Marketing GmbH. Schrecken die Grenzkontrollen potenzielle Besucher der Salzburger Altstadt ab?

Inga Horny: Wie mir unsere Unternehmer mitteilen, bleiben die Gäste aus Bayern deutlich spürbar aus. Das hat aber mannigfaltige Ursachen, die Grenzkontrollen sind nur ein Teil des Problems.

Was macht den Geschäfts­leuten in der Altstadt sonst noch das Leben schwer?

Es gibt eine weit verbreitete Verunsicherung in der Bevölkerung, die zum einen auf die wirtschaftliche Lage zurückzuführen ist, die ja momentan nicht sehr rosig ist. Natürlich spielen dabei auch die Flüchtlingsfrage und die Grenzkontrollen eine Rolle. Manche Dinge sind aber hausgemacht.

Woran denken Sie da?

Zum Beispiel an unsere Verkehrsvergraulungspolitik. Wenn Leute, die mit dem Auto anreisen, nicht wissen, ob und wie sie zu den Parkgaragen kommen, schadet das sehr. Die Kommunikation ist da sehr unglücklich gelaufen.

Wirkt sich das nur auf den Einzelhandel negativ aus?

Nein, es gibt auch in der Hotellerie und Gastronomie Umsatzrückgänge. Schließlich ist Salzburg ja so etwas wie das Naherholungsgebiet für den Raum München.

Kommentare

1 Kommentare

alpenplitz meint

Die entstehenden Mehrkosten könne man wegen des harten Wettbewerbs nicht einfach auf die Kunden abwälzen.-

kann diesem geeiere nicht zustimmen, bei uns sind die geringfügigen Kostenüberwälzungen an den Kunden kein Problem, wir fahren zu 87% in die BRD und 13% hierzulande

verfasst am 07.02.2016, 18:05

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