19.02.2016, 22:42  von Uwe Schwinghammer

Glücklich, wer viele Betriebe in seiner Gemeinde hat

Die Leitner GmbH baut in Telfs bereits das zweite Mal innerhalb weniger Jahre aus. / Bild: Schwinghammer

Arm oder reich? Darüber entscheidet bei Gemeinden meist das Geschick, Betriebe anzusiedeln. Das WirtschaftsBlatt hat sich angesehen, wie das Zusammenspiel mit den Firmen funktioniert.

Betriebe in der eigenen Gemeinde bedeuten bares Geld für die Kommunen: eine von ganz wenigen Möglichkeiten, selbst Einnahmen für den Gemeindehaushalt zu lukrieren. Wer es schafft, viele Betriebe anzusiedeln, der kann mit gut gefüllten Kassen rechnen – Sparsamkeit natürlich immer vorausgesetzt. Glücklich also der Bürgermeister, der im aktuell laufenden Gemeinderatswahlkampf damit punkten kann, Betriebe angesiedelt und damit für Arbeitsplätze gesorgt zu haben.

3570 € Kopfquote

Ischgl ist mit diesem Betrag die reichste Gemeinde Tirols 2015. Die Kopfquote sind die Einnahmen aus Steuern und Abgabenertragsanteilen, die die Gemeinde pro Einwohner lukriert. Im vorderen Feld dieses Rankings sind naturgemäß viele Tourismusorte zu finden, aber auch starke Industriestand­orte wie Breitenwang (Plansee) und Kundl (Sandoz). Chancenlos sind Orte an der Peripherie und in Tälern, etwa Untertilliach, Kaunerberg oder Faggen, mit 890 € Kopfquote ­Tirols ärmste Gemeinde.

Viele Kommunen haben dazu inzwischen ein sehr professionelles Ansiedelungsmanagement etabliert. Das erfreut die Unternehmer, daneben braucht es aber immer noch ein Quäntchen Glück, um den großen Fang zu machen, wie zwei Beispiele zeigen.

Erfolgreiche Gemeinde

Am Beispiel der Marktgemeinde Zirl lässt sich diese Mischung aus Entgegenkommen und Glück gut zeigen. Zirl konnte in den vergangenen Jahren mit etlichen Betriebsniederlassungen punkten: So siedelte sich vor zwei Jahren das Logistikunternehmen AFS an, und vergangenes Jahr wurde die zentrale Sterilisation der Tirol Kliniken GmbH im Gewerbegebiet der Gemeinde errichtet. Dort werden alle medizinischen Geräte für vier Krankenhäuser des Zentralraumes Innsbruck sterilisiert.

Jüngster Coup: Die Baufirma Strabag wird ihre Zentrale für Tirol und Vorarlberg nach Zirl verlegen. Dort gab es bereits einen kleinen Standort, der nun um fünf Millionen € ausgebaut wird. Bis zu 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in der Zentrale unterkommen. Bezugsfertig soll das neue Gebäude Mitte 2017 sein.

Seitens der Marktgemeinde hat man sehr viel dafür getan, dass die Strabag von Innsbruck nach Zirl übersiedelt. Wie man sich überhaupt um ansiedelungswillige Unternehmen sehr bemühe, betont Bürgermeister Josef Kreiser (Liste Zirl Aktiv). Kreiser selbst ist Geschäftsführer im eigenen Elektrounternehmen und daher wirtschaftsaffin.

Kurze Wege

In der Marktgemeinde wurde ein eigener Ansiedelungsreferent berufen. Prinzipiell sei der Wunsch von Unternehmen, nach Zirl zu kommen, einmal „Chefsache". Kreiser: „Da nimmt man sich die Zeit, um einmal Wünsche auf kurzem Weg zu klären und eventuelle Probleme zu lösen."

Langer weg

Die Standortagentur Tirol kümmert sich für Firmen, die sich gerne in Tirol ansiedeln würden, um fast alles. Das reicht von der Suche nach geeigneten Standorten für den Betrieb, Wohnmöglichkeiten für Mitarbeiter, Hilfe bei Genehmigungen bis zur Unterstützung für den Erhalt der Rot-Weiß-Rot-Card bei Personal, das nicht aus der EU kommt. 

Aktuell sind 135 Anträge von möglicherweise niederlassungs­willigen Unternehmen bei der Standortagentur in Bearbeitung. Die Betreuung dauert oft viele ­Monate, und längst nicht alle entschließen sich letztlich auch dazu, mit ihren Firmen nach Tirol zu ­gehen. Im Jahr 2014 konnte die Standortagentur aber Unternehmen mit rund 200 Arbeitsplätzen nach Tirol bringen, 2015 werden es ähnlich viele sein. Die meisten davon kommen aus den Nachbarländern Deutschland, Italien und Schweiz. 

Ganze Unternehmen siedeln sich selten an, so der Geschäfts­führer der Standortagentur Tirol, Harald Gohm: „Das Ansiedelungsgeschäft wird immer mehr zum Projektgeschäft. Teile eines Unternehmens siedeln sich für ein Projekt schon an, aber dass ganze Firmen kommen, ist eine Seltenheit."

Es werde versucht, die vielen einzelnen Verfahren, die für eine Betriebsansiedelung notwendig sind, zu einem zusammenzufassen. Kreiser: „Das sollen dann nicht vier parallel laufende Verfahren sein, sondern eines aus einem Guss sozusagen." Neben den diversen behördlichen Notwendigkeiten versuche man, auch politische Entscheidungen so rasch wie möglich zu fällen, ohne dabei freilich jemanden zu bevorzugen. Man versuche lediglich, Fristen möglichst kurz zu halten. Auch bei der nötigen Infrastruktur schaue man, was die Gemeinde übernehmen könne, falls es noch nicht vorhanden sein sollte.

Was es allerdings nicht gibt, sind Ansiedelungsprämien, versichert Kreiser: „Wir haben seit zehn Jahren eine Arbeitsplatzförderung, wir haben eine Lehrlingsförderung. Kleine Anreize also. Aber wir gehen nicht den Weg, dass wir uns mit öffentlichem Geld über die Gemeindegrenzen hinweg die Betriebe wegnehmen. Das würde den Wettbewerb innerhalb des Planungsverbandes verzerren."

Vorhandener Grund

Bei der Firma Strabag ist man ob dieser Bemühungen natürlich erfreut, wie Manfred Lechner, Direktionsleiter für Tirol und Vorarlberg, gerne zugibt: „Da wir bereits seit einigen Jahrzehnten an diesem Standort ein Baubüro samt Lagerplatz und Quartieren unterhalten, war die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Zirl schon bisher ausgezeichnet. Diese positive Zusammenarbeit mit allen Beteiligten hat sich auch beim geplanten Neubau fortgesetzt."

Ausschlaggebend, nach Zirl zu gehen, seien aber andere Faktoren gewesen, so Lechner: „Die vorhandene Ressource Eigengrund und damit ein Kostenvorteil gegenüber einem sonst anstehenden Grundankauf waren ausschlaggebend"; daneben auch die ideale Anbindung an die Autobahn und die Möglichkeit, den Standort noch zu erweitern. Zuvor hatte man im Großraum Innsbruck mehrere Möglichkeiten geprüft, aber keine so idealen Bedingungen gefunden wie eben in der Marktgemeinde.

Sehr rührig, was das Bemühen um neue Betriebe betrifft, ist man zum Beispiel auch in Telfs, wie Bürgermeister Christian Härting (Wir für Telfs) versichert: „Wir machen schon vorab einen großen runden Tisch, wo alle Beteiligten vor Ort sind und Informationen ausgetauscht werden. So schließen wir den potenziellen negativen Ausgang eines Verfahrens weitgehend aus."

Neuerliche Erweiterung

Erst Anfang Dezember begann der Seilbahnbauer Leitner mit einer zweiten Erweiterung der Betriebsgebäude innerhalb weniger Jahre. Lukas Emberger, Geschäftsführer der Leitner GmbH, schätzt die Zusammenarbeit mit Telfs sehr: „Wir haben die Gemeinde bereits in der Vergangenheit als starken Partner erlebt.

Auch die mit diesen Erweiterungsmaßnahmen verbundene Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung erfolgte konstruktiv und effizient, sodass wir uns als Unternehmen aufs Unternehmen konzentrieren können." Ein wesentlicher Grund, warum sich die Südtiroler Firma Leitner in Nordtirol engagiere, sei allerdings dessen herausragende und gegenseitig befruchtende Stellung im Tourismus. Emberger: „Es ist uns ein Anliegen, Tirol in seiner weltweiten Führungsrolle als Berg- und Wintertourismus-Region mit unseren Seilbahnanlagen, Pistenfahrzeugen und Beschneiungs­anlagen zu unterstützen."

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Wahlen.

Thema Gemeindefusionen kommt aufs Tapet.

Am 28. Februar 2016 werden in Tirol Gemeinderäte und Bürgermeister in 278 Gemeinden gewählt. Nur in Innsbruck erfolgt der nächste Urnengang mit größter Wahrscheinlichkeit erst 2018.

Bei diesen Gemeinderatswahlen lassen sich heuer zuweilen nur sehr schwer Bürgermeisterkandidaten finden – unter anderem, weil in vielen Gemeinden die Kassen leer sind.

Unerwartetes Thema

Völlig unerwartet ist daher das Thema der Gemeindezusammenlegungen aufgetaucht, das in anderen Bundesländern teilweise zu schweren Verwerfungen geführt hat. Bislang war die offizielle Linie von Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP): freiwillige Zusammenarbeit, aber keine Zwangsfusionierungen.

Mehr Wahlberechtigte

Der Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes, Ernst Schöpf (ÖVP), meinte unlängst aber, es werde kein Weg an einigen Zusammenlegungen vorbeiführen. Auch wenn das Einsparpotenzial unerwartet niedrig sei, wie man in der Steiermark gesehen habe.

Wahlberechtigt sind 489.721 Menschen, beim letzten Wahlgang waren es fast 30.000 weniger. Bei den Wahlen im März 2010 betrug die Wahlbeteiligung 73,34 Prozent. Von den 279 ­Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern des Landes stellt die ÖVP derzeit 230, unter anderem in fast allen größeren Gemeinden und Städten außer in Lienz.

­Darunter befinden sich allerdings auch sehr viele Vertreter von ­Namenslisten, die politisch der Volkspartei zuzuordnen sind. Für die SPÖ regieren 24 Ortschefs und -chefinnen. Die FPÖ stellt derzeit nur einen Bürgermeister. Die Grünen schafften es zwar in 33 Gemeinderäte, stellen aber keine Bürgermeister. Die übrigen entfallen auf politisch nicht ­eindeutig zuordenbare ­Listen.

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