23.10.2011, 22:30  von Edith Lackner

"Deutschland plant den Euro-Ausstieg"

Exklusiv-Interview. Kaum ein Finanzmarktexperte wagt noch eine Prognose zum Schuldenchaos, Philippa Malmgren schon.

WirtschaftsBlatt: Auf einer Veranstaltung in London sagten Sie unlängst, Deutschland wird die Eurozone verlassen.

Philippa Malmgren: Deutschland bereitet sich vor, die Eurozone zu verlassen, damit sie eine Wahl treffen können, sobald sie gezwungen sind, zu entscheiden, ob man drinnen bleibt oder raus geht. Aber meine Einschätzung ist, sie werden aussteigen.

Bedeutet die Anstrengung um die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms ESFS nicht eher, dass man beschlossen hat, sich weiter durchzuschlagen?

Ich glaube nicht, dass Deutschland einen Scheck schreiben wird für Griechenland oder irgendein anderes Land. Das heißt, wir sehen ohne Zweifel eine weit größere Pleite in Griechenland, mindestens 50 Prozent. Aus meiner persönlichen Sicht haben wir sogar einen Haircut um 70, 80 Prozent, wenn alles vorüber ist. Und es wird weitere Zahlungsausfälle in anderen Staaten geben. Ich glaube nicht, dass es ein Übereinkommen gibt zwischen Franzosen und Deutschen. Die Franzosen würden vielleicht gerne glauben, dass ein Handel möglich ist. Aber tatsächlich gibt es keinen. Darum sagt Sarkozy auch, dass diese Woche die Zukunft Europas determinieren wird. Weil er versteht, dass das deutsche Nein ein Nein bedeutet, nicht „vielleicht".

Was erwarten Sie persönlich von der nächsten Woche?

Dass Griechenland einen Haircut von mindestens 50 Prozent verkündet und der Markt beginnt, einen Schuldenschnitt in anderen Ländern einzupreisen.

Denken Sie abseits der Problemkinder Spanien, Italien, Portugal an weitere Länder?

Belgien hat nicht das BIP, die Banken zu retten. Und auch Frankreich hat keinen Raum zu manövrieren, weil die ­Ratingagenturen das Land abstufen, wenn es noch mehr Bankschulden auf die nationale Bilanz schreibt. Vielleicht wird es in Frankreich keinen Zahlungsausfall des Staates geben, aber ich glaube, wir werden Pleiten sehen.

Wenn das Geld knapp ist, kann man mit Inflation manövrieren...

In der Tat! Und das ist genau, womit die Deutschen nicht leben können. Wenn der Euro abwertet, weil es multiple Pleiten gibt, dann ist Deutschland an eine Währung mit Preisinstabilität gebunden. Selbes gilt für Österreich. Diese Länder werden nicht leben mit permanenter Preisinstabilität. Es ist eine widerwillige, aber eine unumgängliche ­Entscheidung, die Währungsunion zu verlassen.

Um umgeben zu sein von schwachen Währungen. Was ist dann mit dem Exportproblem?

Überhaupt kein Problem. Es gibt keine Griechen, Italiener oder Spanier, die in den kommenden drei Jahren einen Mercedes kaufen. Es gibt keinen Exportmarkt zu verlieren. Deutschland wird international verkaufen, wo es nicht mit der Billigkeit der Währung in Wettbewerb tritt. Deutschland hat immer teure Produkte gehabt und immer über die Qualität konkurriert.

Welche Rolle spielt China im Entschuldungsprozess?

Absolut keine! China will niemanden herauskaufen. Darüber haben sie schon kristallklare Aussagen gemacht. Nicht nur sagen sie: „Nein". Sie sagen auch: „Wir können unserer eigenen Öffentlichkeit nicht erklären, dass ihr euren Arbeitslosen mehr bezahlt, als wir unseren Arbeitern. Das ist auswegslos."

China hat dennoch in Griechenland und anderen Ländern investiert.

Sicher. Sie haben Häfen, ­Infrastruktur und in der Landwirtschaft gekauft. Aber das ist ein kleiner Betrag verglichen mit dem Schuldenausmaß. Dieses Geld reicht nicht einmal, um anzufangen, das Problem zu lösen.

Glauben Sie, der Euro oder die Eurozone waren ein Fehler?

Nein. Definitiv nicht. Auch die Deutschen glauben weiter, dass die Konstruktion von Europa gut war. Nur ein einziger Stein ist schwach, der Euro. Die glauben, es ist möglich, ihn durch etwas Stärkeres zu ­ersetzen. Was wir dann bekommen, könnte sogar noch besser sein als das, was wir heute haben. Die Franzosen glauben, ohne Euro fällt das ganze Gebilde zusammen.

Spekuliert wird über die Trennung in einen nördlichen und südlichen Währungsraum. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, das ist absolut eine Option. Es würde Europa stärken. Sie müssen die südeuropäischen Staaten abwerten lassen, weil die sonst nicht überleben können. Warten Sie, ich sitze gerade am Bloomberg (eine Finanznachrichtenagentur, Anm.). Hier lese ich, Merkel sagt, sie wird ein Auseinanderreißen der Eurozone bekämpfen. Warum sagt sie das? Weil es genau die Idee ist, die gerade diskutiert wird! Sie würde es nicht sagen, wenn die nicht darüber sprechen würden. Das ist die Bestätigung. Genau da steht die Diskussion.

Was sind die Konsequenzen für Investoren in dieser Situation?

Worauf man achten sollte, ist ein echter, unbeeinträchtigter Cashflow. Echt heißt, dass die Leute Geld dafür ausgeben, selbst wenn die Wirtschaft sich verschlechtert. Zum Beispiel betrifft das Handys. Unbeeinträchtigt heißt: ohne massive Schuldenlast. Und mit Cashflow meine ich „jetzt, nicht morgen". Sie finden das bei Unternehmen. Der Markt denkt etwa, dass Shell ein besserer Bond ist als Britische Regierungsanleihen. Die Chance, dass Shell zurückzahlt, ist besser. Shell hat einen echten, unbeeinträchtigten Cashflow. Und Sie finden das bei einigen Immobilien. Wobei ich glaube, es gibt mehr Cashflow bei landwirtschaftlichem Besitz als in urban-kommerziellen Immobilien.

 

Zur Person

Die US-Amerikanerin ist Gründerin von Principalis Asset Management (London). Das Unternehmen berät Großinvestoren in der Frage, wie Politik, Regulierungen und Geopolitik die Finanzmärkte beeinflussen. Malmgren war 2001-2002 Finanzmarktberaterin von George W. Bush. Davor arbeitete sie unter anderem bei UBS (Global Strategy), Bankers Trust ( Währungs-chefin), sowie als Handelsspezialistin bei der OECD.

Kommentare

19 Kommentare

wer es noch nicht gefressen hat ,der euro ist wirklich am ende ..
von der finanzkrise zur staatskrise .auslöser waren die geld zu geld macher und die politiker
von ca 70 millionen deutsche haben nur 3,5 millionen aktien .
der abstand zwischen arm und reich wird immer grösser
über 12 millionen leben von weniger als 900 euro
wo ist unser gutes deutschland geblieben
die politiker wissen was jetzt läuft,sie reden nur nicht um eine panik zu verhindern.
Ich hoffe nur das diese zur verantwortung gezogen werden knallhart
wenn das internet immer sagt seite nicht gefunden,.... dann wird es ernst
holt euer geld und kauft noch was bevor es keinen wert mehr hat...
es trifft wieder die die es nicht gebrauchen können

verfasst am 07.12.2011, 19:44

Logische Antwort:

Ein Regenschirm schützt vor dem Regen.
Ein Sonnenschirm schützt vor der Sonne.
Ein Eurorettungsschirm schützt somit vor der Eurorettung!

Fazit: Die Eurorettung wird scheitern...den davor schützt ja der Schirm...!

Merke: Bereits bei der Wortwahl wird die Wahrheit gesagt, bloß merkt das keiner mehr im dichten Nebel.

verfasst am 26.10.2011, 14:57

Der Hebel aus dem Nirgendwo !
Eine sehr gute (fachliche) Zusammenfassung über die Problematik des Hebels, was man in den Medien so nicht lesen kann.
Unsere Bundestagsabgeordneten sollten dies unbedingt auch studieren, damit sie überhaupt eine Ahnung haben.

Vom Bankhaus Rott 3 Seiten

http://www.rottmeyer.de/allmachtig-oder-der-hebel-aus-dem-nirgendwo/

verfasst am 25.10.2011, 22:47

Wohl eher Bloghaus.

verfasst am 26.10.2011, 09:13

Alle was man darüber wissen kann: http://faszinationmensch.wordpress.com/2011/09/28/alles-was-wir-uber-die-finanzkrise-und-das-fehlerhafte-geldsystem-wissen-sollten-und-konnen/

verfasst am 25.10.2011, 21:39

...haha, das sagt ja eh schon alles!

verfasst am 25.10.2011, 17:25

@menschling:
Genau das hatte ich mir auch gedacht: Und der Artikel hatte es bestätigt ...

verfasst am 25.10.2011, 22:55

Gast: Karel meint

Wer will schon gemeinsame Währung mit total korrupten Griechen oder mit Berlusconi und seinen Kumpanen ? Vielleicht Faymann und Fekter.
Ich aber sicher nicht. Gruß.

verfasst am 25.10.2011, 08:14

Kann jedem nur empfehlen sich vom sterbenden Euro zu verabschieden und zu greifbaren Werten wie Gold, Silber, Lebensmittel schnell zu greifen!
Sicher sind diese nicht mehr lange zu diesen Preisen zu erstehen.

verfasst am 24.10.2011, 14:08

wenn ich sowas les wird mir schon schlecht. Gold ist auch nur eine Idee. Immer diese Panikmache...

verfasst am 24.10.2011, 18:02

Gold und Silber in physischer Form haben bereits mehrmals Vermögen(auch bescheidene) über äusserst schwierige Zeiten gebracht und werden ihren Besitzern auch dieses Mal ein Chance eröffnen. Panikmache sehe ich nicht in Anbetracht der Hardfacts!

verfasst am 24.10.2011, 18:36

Gast: tzu meint

verfasst am 24.10.2011, 12:51

Auch möglich. Um von eigenen Problemen abzulenken und den Euro weichzureden. Panikmache nach US-Manier

verfasst am 25.10.2011, 03:00

es scheint dieser tage schaffen sich nur die radikalen meinungen gehör - siehe Alessio Rastani

verfasst am 24.10.2011, 09:26

Lieber Freund,
das ist die Realität. Wir stehen vor dem größten wirtschaftlichen und gesellschaftliche Umbruch der letzten 100 Jahre. Die Politiker wären bereits jetzt gezwungen radikale Maßnahmen zu setzen, versuchen allerdings noch Zeit zu gewinnen anstatt die eigentlichen Probleme zu lösen. Aber letztendlich werden sie handeln müssen, denn wie man sieht ist das Volk schon auf den Straßen.

verfasst am 24.10.2011, 11:32

Meine Kritik bezieht sich vor allem auf ihre Aussagen, Deutschland bereite sich schon auf den Euro-Ausstieg vor. In einem anderen Interview hat sie unter anderem verzapft die Deutschen würden bereits die neue D-Mark drucken. Meiner Meinung nach hat sie einfach Gefallen daran gefunden Leute zu schockieren und derzeit kommt man so am einfachsten ins Rampenlicht, scheint es, oder?

verfasst am 24.10.2011, 18:01

Der grösste Umbruch der letzten 100 Jahre? Verzeihen Sie wenn ich kurz lachen muss. Radikale Massnahmen? Gut, da bin ich ganz bei ihnen aber ich möchte doch kurz nur ein paar Jahreszahlen in Erinnerung rufen: 1973 (1. Ölkrise), 1979 (2. Ölkrise), 1981 (Sparkrise), 1997 (Asienkrise), 2000 (Dotcom)... Und glauben Sie mir, es hat noch während jeder Krise ein paar Rufe nach "dem grössten Umbruch der letzten X Jahre" gegeben. Die Wahrheit ist - vor der Krise ist nach der Krise und mit etwas Glück lernen wir was daraus

verfasst am 24.10.2011, 17:57

Wenn sie an diese Krise auch nicht glauben möchten - sie werden in nicht allzu ferner Zeit anders darüber denken!

verfasst am 25.10.2011, 19:38

Natürlich haben wir eine Krise aber das bedeutet nicht das Ende der Welt. Ich mokiere mich lediglich über die ständigen Horror-Szenarien, Hiobsbotschaften und die Weltuntergangsstimmung die ständig verbreitet wird - von Leuten wie Ihnen.

Was wird denn in "allzu ferner Zeit" passieren? Könnten Sie etwas genauer sein? Selbst wenn es eine neue Rezession geben wird und wir auf das Niveau von z.B. 2006 absacken, was dann? Nix. Es ist nur wichtig was daraus zu lernen und wenn Sie sich mit den von mir genannten Krisen auseinandersetzen dann könnten Sie sehen dass das in der Vergangenheit (fast immer) der Fall war. (Schöpferische Zerstörung)

Ich verstehe nur einfach nicht wo für Leute wie Sie der Reiz liegt immer das Ende der Welt verkünden zu müssen. Sie erinnern mich an Anhänger von Verschwörungstheroien. Es geht darum zum "inneren Kreis" zu gehören und "es" zu wissen wo doch alle anderen sooo blind sind, richtig? Das Ende ist nahe und ICH habs ja immer schon gewusst!

verfasst am 26.10.2011, 09:07